Nach fast einem Jahr befragt der Kundus-Untersuchungsausschuß erstmals eine afghanische Zeugin. Die Presse nimmt davon keine Notiz. Offenbar ist das so gewollt.
Von Jörn BoeweVier bis sechs Taliban, aber 133 Zivilisten – das ist die tödliche Bilanz des Luftangriffs von Kundus, den ein Kommandeur der Bundeswehr am 4. September 2009 veranlaßte. Habibe Erfan, Abgeordnete im Provinzrat von Kundus, Ärztin und Aktivistin einer Organisation zum Schutz von Frauenrechten, nannte die Zahlen am Donnerstag vor dem Verteidigungsausschuß des Deutschen Bundestages. Keine Zeitung, kein Fernseh- oder Rundfunksender der Republik berichtete darüber, auch kein Onlinemedium. Seit 16. Dezember 2009 soll der Verteidigungsausschuß die Hintergründe der bislang verheerendsten, durch deutsche Kommandogewalt ausgelösten Einzeloperation des Afghanistan-Krieges untersuchen. »Soll« meint in diesem Zusammenhang nicht, daß Aufklärung beabsichtigt sei, sondern: Angeblich findet da etwas statt. Am Tag nach der Zeugenbefragung von Erfan, also gestern, gab es nirgends auch nur den kleinsten Hinweis, daß der Ausschuß überhaupt getagt hatte. Wer es wissen wollte, konnte es dennoch erfahren.http://www.jungewelt.de/2010/10-30/005.php
«Dorf einfach plattgemacht»

Ein Mittwoch im Mai
Lagebericht: ODA (Operational Detachment Alpha, amerikanische Sondereinheiten) sollen ganz in der Nähe mehrere Taliban getötet haben. Das ODA ist eine amerikanische Spezialeinheit, die ich als Killer-Kommando bezeichnen würde. Es ist aber nichts Näheres darüber herauszubekommen, außer, dass das Feuergefecht wohl länger gedauert haben muss. Das kann eigentlich wieder nur bedeuten, dass die ganze Sache etwas dreckig geworden sein muss.
Ein Sonntag im Mai
Ein paar Kameraden haben mit zwei Typen von der Task Force 3-10 gesoffen. Die beiden waren angeblich ehemalige Elite-Soldaten. Die haben echt ein paar harte Storys erzählt. Diese Woche hätten sie schon 50 Taliban abgemurkst. Der eine hat geprahlt, dass er noch nie jemanden getötet hat, der es nicht verdient hätte. Und später am Abend, mit noch ein paar Bier im Schädel, hat er dann erzählt, dass auch Frauen und Kinder die Taliban unterstützen und dass ihm das scheißegal ist, wenn die im Weg stehen.
Ende Mai
Lagebericht: Die Taliban haben bei Aliabad die Amis mit Handwaffen und RPGs (Rocket Propelled Grenades, Panzerfäuste) beschossen. Der Hinterhalt ging aber nach hinten los. Die US-Truppen haben nämlich mit aller Gewalt zurückgeschlagen. Die Kämpfe haben richtig lange gedauert, und die Amis haben sogar nachgesetzt und die Taliban über drei Kilometer nach Norden gehetzt. Ich habe noch mit meiner Frau telefoniert. Ich vermisse meinen Schatz und kann es kaum erwarten, endlich wieder zu ihr zurückzukommen.
Anfang Juni
Lagebericht: Ein amerikanischer Black Hawk Hubschrauber soll in der stockdunklen Nacht beschossen worden sein. Man ist sich jetzt sicher, dass die Taliban Nachtsichtgeräte haben. Ein Gutes: Das Abendessen war heute ausnahmsweise mal ausreichend und genießbar: Es gab Pommes, die sogar stellenweise geknuspert haben, und Rinderfilet, was in der Mitte sogar noch ein bisschen rosa war. Das Ganze war gekrönt mit einer leckeren Soße.
Mitte Juni
Die Amis standen auf der Route «Banana» im Feuerkampf. Zwei ihrer Fahrzeuge sollen durch IED (Sprengfallen) zerstört worden sein. Dabei wurden zwei Soldaten gleich getötet und drei schwer verletzt. Das hat die Stimmung natürlich sehr runter gezogen. Bei einer Operation, um hochrangige Taliban zu fassen, hat neulich ein Apache-Kampfhubschrauber mit seiner 30-mm-Maschinenkanone ein Fahrzeug von zwei flüchtenden Taliban zerlegt. Die Kiste hat es richtig zerfetzt, die Insassen wohl auch.
23. Juni
Gestern Nacht wurde ein Dorf von den Amerikanern plattgemacht. Sie haben zwei 500-kg-Bomben abgeworfen und mit mehreren Little Birds, das sind kleine Kampfhubschrauber, und zwei AC130, die man auch Fliegende Festung nennt, angegriffen. Ein paar von uns haben es sogar gesehen. Sie haben sich ein paar Bier mitgenommen und das Schauspiel auf einem Container sitzend beobachtet.dapd
http://www.fnp.de/fnp/welt/politik/dorf-einfach-plattgemacht_rmn01.c.8391659.de.html

"In nahezu jeder Familie der umliegenden Dörfer habe es durch den Bombenangriff »zwei bis fünf Opfer« gegeben, so Erfan. Zu den 133 dokumentierten Toten kämen noch sieben Verletzte. Ziel des unter Federführung von Anwalt Popal vorbereiteten Klageverfahren sei es, eine gerechte Entschädigung für die Hinterbliebenen von der Regierung der Bundesrepublik Deutschland einzuklagen."
http://www.jungewelt.de/2010/10-30/005.php
HINTERGRUND (Ausgabe 4/2009) im Gespräch mit Karim Popal
Der Bremer Anwalt Karim Popal war im Auftrag der Max-Planck-Gesellschaft für Völkerrecht als Dozent für Staatsanwälte und Richter tätig. Er hat einen deutschen und einen afghanischen Pass und spricht die Sprachen Dari, Paschtu sowie Farsi. Heute vertritt er die Angehörigen der Opfer des von der Bundeswehr zu verantwortenden Bombardements auf zwei entführte Tanklastwagen.
HINTERGRUND: Herr Popal, wie ist es zu dem Kontakt mit den Opfer-Familien in Kundus gekommen?
Karim Popal: Afghanen, die ich dort früher in internationalem Recht unterrichtet habe, sprachen mich an. Nachdem etwa dreißig Opfer-Familien eine Entschädigung in Höhe von nur 1000 € pro getötetem Angehörigen gezahlt worden war, wurden die Betroffenen unruhig.
HINTERGRUND: Von wem ist denn diese Entschädigung an die dreißig Familien gezahlt worden?
Karim Popal: Um die Leute zu beruhigen, hat die afghanische Regierung eine sofortige Entschädigung gezahlt. Allerdings weiß man nicht, woher diese Gelder kommen. Die Maßnahme war fehlerhaft, denn es gab nach meinen Informationen, mehr als hunderte Tote. Davon sind achtzig Personen als zivile Opfer zu bezeichnen. Aber nur dreißig Familien erhielten eine Entschädigung.
HINTERGRUND: Sind 1000 € Entschädigung nicht eine schreckliche Missachtung des Wertes der Menschenleben?
Karim Popal: Dieser Auffassung bin ich auch. Wenn in Deutschland bei einem Verkehrsunfall ein Mensch ums Leben kommt, geht es um mind. 2 Millionen Schadensersatz. Die Afghanen sind Menschen wie wir- wie die Deutschen, wie die Europäer und Amerikaner. 30 Jahre lang wird in Afghanistan Krieg geführt. Es gibt keine Arbeit. Ein Kilo Rindfleisch kostet dort etwa 6€. Wie kann eine Familie sich mit 1000€ ernähren, wenn sie einen Ernährer verloren hat? Das Bombardement war brutal. Es war ein Fehler. Man hätte es vermeiden können. Man sollte als Deutscher nachweisen können, dass man für den Aufbau, für die Demokratisierung Afghanistans dort ist. Warum hat der Oberst nicht Soldaten dorthin geschickt, um die Lastwagen wieder in die eigene Gewalt zu bringen? Bombardement gehört zum Krieg und nicht zur Terrorismusbekämpfung.
HINTERGRUND: Es hat einen Ermittlungsbericht von den Behörden in Kundus gegeben, der in gewisser Weise das Eingreifen der Bundeswehr rechtfertigt.
Karim Popal: Dieser Bericht ist nicht sachlich. Dieser Bericht ist nicht neutral. Dieser Bericht ist nur von Leuten gemacht worden, die Marionetten sind. Die Provinzregierung in Kundus ist sehr korrupt. Der Gouverneur von Kundus ist eine Marionette. Dieser Bericht ist wahrscheinlich nur gemacht worden, um deutsche Freunde dort zufrieden zu halten und die Regierungen zufrieden zu stellen, aber keinesfalls wird der Bericht die afghanische Bevölkerung in Kundus beruhigen, sondern er hat zur Folge, dass die Leute sich an mich wenden und um Hilfe bitten.

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